September
TIPP: Das Mannheim Konzert vom November wurde vom Fernsehen aufgezeichnet.Im NDR wird es am 29.12. ausgestrahlt.
Der SDR und 3 Sat werden das Konzert auch noch zeigen – Sendetermin steht aber noch nicht fest.
Wenn es nach Rebekka Bakken ginge, würde man nicht über ihre Musik reden, sondern sie am
besten nur anhören. Die Singer/Songwriterin mit der tief unter die Haut dringenden Drei-Oktaven-
Stimme ist eine "Anti Drama Queen", eine gleichzeitig rastlose und in sich ruhende Seele, die
beständig abwägt und abwiegelt und bloß kein Aufhebens um ihre Person und ihre Kunst gemacht
haben will. "Ich brauche die Musik mehr als sie mich braucht", sagt sie daher. "Mir gefällt es, alles in
meiner Musik zum Leben zu erwecken. Aber das ist keine große Sache." Hören ist Fühlen ist Leben,
wenn es um diese emotionale Künstlerin geht. Aber vielleicht gerade weil ihre Lieder so poetisch und
vielsagend sind, ihre Melodien so eine klare, schöne Sprache sprechen, ist die Neugierde so groß,
dahinter zu schauen. Mit ihrem fünften Soloalbum setzt die norwegische Sängerin, die lange in New
York und Wien wohnte und inzwischen auf einer Pferdefarm in Schweden lebt, ihre "amerikanische
Serie" fort. In enger Zusammenarbeit mit Malcolm Burn in Kingston, New York, produziert,
präsentieren sich die zwölf selbstbewussten und schnörkellosen Songs von "September" als eines der
wohl schönsten von Country beeinflussten Liederalben unserer Zeit. Exzellent gesungen, sinnlich und
satt gespielt, wirken diese Texte über Liebe, Leben, Lust und Leiden – die ältesten Themen der Welt –
immer aktuell. Schon vom Sound her sind sie so eigen und originell, dass auch die drei Cover-
Versionen von Bruce Springsteen, Jane Siberry und Alphaville perfekt zu den selbst geschriebenen
Liedern der Leaderin passen. Diese Musik berührt, auf etlichen Ebenen. "Kommunikation", sagt
Rebekka Bakken, "braucht so viel mehr als Worte."
Der Albumtitel "September" und die gewisse Melancholie dazu beziehen sich auf "den Anfang vom
Ende der Dinge", wie Rebekka Bakken sagt. "Dadurch, dass ich die Welt und das Leben im letzten Jahr
durch die Augen meines sterbenden Vaters betrachten konnte und mich im September seines Lebens
so um ihn kümmern konnte, starben auch in mir etliche Dinge. Es gab nur noch weniges, das mir
etwas bedeutete, aber das wenige war dafür so voller Leben, dass ich selbst mich lebendiger denn je
fühlte. Ich konnte mich von viel Nutzlosem trennen, das ich in den vergangenen Frühjahren und
Sommern angesammelt hatte. Eine Zeit lang zweifelte ich auch an meiner Musik, hatte nicht das
Gefühl, dass die Musik mich oder mein Streben nach Sinn als Vollzeitbeschäftigung so sehr erfüllen
könnte, wie das, was ich gerade erfahren hatte. Bis zu meinem nächsten Konzert, bei dem ich
überglücklich war, weil ich dort genau diese Gefühle von Bedeutung und Relevanz wiederfand." Sie
begann neue Stücke zu schreiben, einfach so, "aus dem Nichts", mit einem Urvertrauen in ihre
kreative Kraft, das Rebekka Bakken selbst schon auf ihrem Debütalbum als "The Art of How To Fall"
beschrieb.
Nach einigen Monaten hatte sie genau die Lieder geschaffen, die ihren Gefühlskosmos
beschrieben, etwa das feinsinnige Titelstück, die lebenslustigen Pop-Grooves "Driving" oder "Girl
Next Door", das poetische Schlaflied "Mina's Dream", den Midtempo-Ohrwurm "Never Been To
Paris", die cineastische Episode vom "Innocent Thief" und natürlich traurig-schöne Liebeslieder wie
"Strange Evening". Dazu kamen komplett überarbeitete und neu arrangierte Lieder mit denen ihr
andere Songwriter aus der Seele sprachen, etwa Jane Siberrys sentimentale Ode "Love Is
Everything", Bruce Springsteens gebrochenes "The Wrestler" (aus dem gleichnamigen Film mit
Mickey Rourke) und "Forever Young", ein Hit, den Rebekka als 14-jährige so sehr liebte, dass sie sich
einen Rekorder und die Alphaville-Kassette dazu lieh und beides so strapazierte, bis das Band
schließlich riss. "Der Junge, von dem ich mir die Kassette geliehen hatte, war ein echt gefährlicher
ziemlich brutaler Typ", erinnert sie sich. "Ich hatte schreckliche Angst, dass ich meinem letzten
Stündchen ins Gesicht sehen würde, wenn ich ihm gestand, dass das Band ruiniert war. Als ich es
endlich tat, zuckte er nur mit den Achseln und sagte: "Sowas passiert." Dieser Song erinnert mich
immer an die unglaubliche Erleichterung, die ich verspürte, als mir klar wurde, dass ich jetzt doch
noch nicht sterben musste."
Nachdem die Songs feststanden, ergab sich bald ein Kontakt zu Malcolm
Burn, einem in Kanada geborenen Produzenten, der sich bisher durch seine Arbeit mit Daniel Lanois
oder Bob Dylan hervortat und einen Grammy für seine Produktion mit Emmylou Harris gewann. Im
Februar 2011 reiste Rebekka Bakken schließlich in sein Studio in Kingston, New York, und begann
dort mit den Aufnahmen zu "September", begleitet von einer fantastischen amerikanischen Band mit
der Bassistin Gail Ann Dorsey, dem Gitarristen Bill Dillon und Drummer Bill Dobrow. "Ich fühlte mich
während der Aufnahmen so unglaublich frei, weil diese Musiker meine musikalische Welt wirklich
gefühlt und zum Ausdruck gebracht haben. Für mich selbst ist das Unglaublichste an diesem Album
vielleicht, dass ich darauf Klavier spiele", sagt Rebekka Bakken. "Damit hätte ich bestimmt nie
gerechnet."
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